09.01.22 Prost Neujahr

Kennt ihr das? Man hat tolle Vorsätze und ein ambitioniertes Ziel vor Augen und verliert vollkommen die Bodenhaftung? Man ist der Meinung, etwas total innovatives auf einem Blatt Papier erschaffen zu haben, verliert aber den Blick für die Realität und schiesst vollkommen über das Ziel hinaus? Letztlich investiert man unendlich Zeit in eine Idee und möchte sie auf Verderb durchsetzten, um die reingesteckte Zeit zu rechtfertigen, obgleich sich immer mehr herausstellt, dass der Einfall, den man hatte, eher kontraproduktiv ist und sich für seine Kunden als und reichlich dämlich dar stellt?

So was passiert im selbstständigen Dasein sicherlich jedem mal und auch ich spreche mich davon nicht frei. Man muss diese Erfahrung machen und daraus lernen. Die Sache mit „aus Fehlern lernen“ ist aber so ein Ding. Nicht jeder gesteht sich einen Fehler ein und ich habe den Eindruck je größer ein Unternehmen ist, desto weniger lernt man aus dieser Einsicht und sieht ein, dass man vielleicht ein wenig über das Ziel hinausgeschossen ist. Ich würde sogar behaupten, man versucht dieser Gegebenheit zu trotzen und möchte den Kunden schlicht weg zwingen, sich jetzt doch endlich an dem zu erfreuen, was kluge überbezahlte Medienfachleute sich monatelang ausgedacht haben und der Konzernspitze für gut verkauft haben.

Achtung! Der nun folgenden Text enthält Werbung wegen unbezahlter Produktnennung (ich glaube dass muss ich so titulieren, um nicht abgemahnt zu werden). 

Um das Geschriebene anhand eines Beispieles bildlicher darzustellen, hier mein absolutes und schon in diesem Blog angepriesenes Lieblingsbeispiel: MonChéri. Ich bleibe dabei. Es gibt eine gewisse Anzahl an Menschen, welche die Kombination aus Alkohol in Verbindung mit Schokolade mögen. Aber mindesten genau so viele, die es hassen. Wenn 1000 Leute Schoko-Alkohol-Pralinen mögen und 1000 Leute dieses nicht tun, dann hilft es auch nicht einfach eine neue Sorte von Schoko-Alkohol-Pralinen auf den Markt zu bringen, denn die Anzahl der Liebhaber dieser Pralinen wird sich deswegen nicht steigern, sondern nur anders aufteilen. Soll heißen, es gibt in Zukunft dann 800 Leute welche die Sorte Kirsch favorisieren und 200 die Sorte Orange mögen. Es bleibt aber dabei, dass 1000 Personen Schoko-Alkohol-Pralinen einfach gar nicht mögen. Warum also zum Teufel feuert ihr also alle Jubeljahre einen Millionen-Etat in den Äther und auf Großplakate, wo doch relativ klar abzuschätzen ist, dass ihr die Menschheit nicht zu Schoko-Alkohol-Pralinen-Essern konvertieren könnt. Ganz gleich wie mit Sweet Cherie vor fünf Jahren, die erfolglos aus den Regalen geräumt wurde und nun das ganze eben mit Orange versucht wird. Aber bitte, mich hat ja mal wieder keiner gefragt.

Um auch nicht nur auf einem Konzern rumzureiten, möchte ich noch ein weiteres Beispiel anfügen, welches mir nicht nur Kopfzerbrechen, sondern Kopfschütteln verursacht:

In einem etwas entfernten Nachbarort hat ein in unserer Region bekannte Supermarktkette eine Neueröffnung ihrer Filiale vollzogen. Nach umfangreichen Umbaumaßnahmen wurde ein neues Einkaufserlebnis erschaffen, welches sich, besonders beim Blick in das Portemonnaie am Kassenband darstellt. Nun zwingt mich niemand dort zu kaufen und es spricht nichts gegen das Konzept sich von der Konkurrenz abzuheben und ein Supermarkt für Besserverdiener zu sein. Schließlich gibt es genügend Menschen, die nicht auf jeden Cent achten müssen und warum soll man als Konzern dieses nicht ausnutzen und daran gut verdienen. 

Bei der Renovierung der Einkaufsanlage wurde auch der nebenstehende Getränkemarkt der Einkaufskette Grund auf saniert und modernisiert. Tja, und wie sollte es auch anders sein und warum sollte es hier im Blog Erwähnung finden: Der neu sanierte Markt ist das Ergebnis einer vollkommen überzogenen Art der Darstellung. Zur Erklärung: Wenn ich extra einen Getränkemarkt ansteuere, dann nicht aus dem Grund, nur ein oder zwei Flaschen Bier, Brause oder Saft zu kaufen, sondern mein Ziel ist es, eine größere Menge käuflich zu erwerben. Ich erwarte ein gewisses Standardsortiment und entsprechende Einkaufswagen, um Mehrwegkisten gut zu transportieren. Mich erstaunt beim Betreten des Marktes, dass ich auf anhieb keine Mehrwegkisten sehe. Jede Menge Regalgänge mit Einzelflaschen mit wenig, mehr, viel und ohne Alkohol betteln um meine Kaufgunst. Ich hingegen wollte nicht in einem Spirituosen-Fachgeschäft oder Saftladen, sondern Getränke aus Mehrweggebinden kaufen.

Ich kenne einige Getränkemärkte in unserem Umkreis, und mein Geschmack an Getränken möchte ich nicht als außergewöhnlich, aber schon als nicht alltäglich definieren. Bei der Vielzahl an angebotenen Produkten, glaubte ich zu meinen, hier an einen gut sortierten Markt geraten zu sein. Aber mit der Auswahl meiner Getränkevorliebe stoße ich doch immer wieder an die Grenzen des Produktsortiments. So zu meiner Verwunderung auch bei besagtem Markt. Das kann ich noch verkraften, ich bin ja doch ein wenig flexibel, aber es geht noch weiter. 

Wer bitteschön hat sich einfallen lassen, Mehrwegkisten in Regale mit mehreren Fächern unterzustellen? Sicherlich schön, dass ich mich nicht bücken muss, um an eine Kiste zu gelangen, jedoch kann man nicht erkennen, was in der Kiste ist, denn bei der Höhe des Regalfachs passt nur eine Kiste und man kann leider nicht erkennen welche Sorte sich in der Kiste befindet. Da Gilde, Fritz oder Einbecker (um nur einige zu nennen) diverse Sorten in ein- und derselben Kiste verkaufen, ist also nicht klar zu erkennen, um welche Sorte es sich in der Kiste im Regal handelt. Diesen Missstand haben auch die Konzeptgeber des Getränkemarktes bemerkt und haben ein weiteres Regalbrett über das Kistenfach eingebaut, um dort die Flaschen hin zu stellen, die sich in der Kiste befinden. 

In der Theorie gar nicht so schlecht gedacht und optisch schön anzusehen, aber praktisch absoluter Blödsinn. Denn der arme 450 Euro-Jobber, der die Flaschen aus den Kisten auf das obere Regalbrett stellt, nimmt die Flaschen natürlich aus der im unteren Fach befindlichen Kiste. Ist ja auch klar, denn wo soll man sonst mit den ganzen leeren Mehrwegkisten hin, wenn man die Flaschen so schön im Regal drapiert hat. Vielleicht könnte Ihr Euch schon denken, worauf ich hinaus will. Ich gehe also zu dem schönen Regal und ziehe in rückenfreundlicher Höhe eine Kiste aus dem Regal, die natürlich nicht vollständig gefüllt ist und fange an, das schöne Kunstwerk, der in Reihe und Glied stehenden Flaschen auf dem oberen Regalbrett zu zerstören, um die Kisten wieder mit den Flaschen wieder zu füllen. Hä? Wo ist da der Sinn? Früher nannte man das Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. 

Ich schlendere weiter durch das Getränkeparadies und entdecke hinter einer Wand aus Kühlregalen doch noch den Bereich, wo gängige Getränkekisten gestapelt angeboten werden. Was optisch nicht so geschmeidig für das Gourmet-Auge aussieht, aber einfach deutlich praktischer ist. Die Sortierung hier wirft jedoch auch wieder Fragen auf. Ich behaupte, dass der deutsche Konsument ein Markenfetischist ist. Soll heißen, dass man, wenn man Krombacher trinkt auch das Radler von dieser Sorte kauft und vielleicht auch noch das alkoholfreie. Ich trinke gerne Einbecker, aber eben auch gerne mal das helle Bockbier oder ein Winterbock. Die Kisten stehen aber in diesem Markt eben nicht nach Marke sortiert, sondern nach Art des Getränks. Somit machte sich bei mir ein gewisser Einkaufsstress breit, denn meine Frau fragte etwas entnervt per Kurznachricht an, wo ich denn bliebe und was so lange im Getränkemarkt dauert. Ich hätte gerne mit „Sofortverköstigung“ geantwortet. Der eigentlich Grund lag aber darin, dass ich für meine Wahl der Getränke einen gefühlten vierhundert Meterlauf durch gestylte Flaschenregale zurücklegen musste, um alle von mir favorisierten Sorten einer Marke zu finden, bzw. mir erklären zu lassen, dass die Sorte „wohl“ nicht verfügbar sei oder der arme kleine 450 Euro Flaschensortierer sie einfach nicht findet, obgleich der der Meinung ist, diese Flaschen schon mal in der Hand gehalten zu haben…

Die Krönung erreichte mein Einkaufserlebnis, als ich in der Abteilung gestapelte Kisten eine Kiste Einbecker Brauherren auf mein Einkaufswagen packe und mir dabei beinahe die Finger verbrenne. Die als Raumteiler gedachte Front aus Kühlregalen sondert auf der Rückseite reichlich Wärme ab um die Kühlung zu betreiben. Da bekanntlich aber jeder Quadratmeter Raum einer Supermarktfläche optimal genutzt werden muss, hatte der Planer die umwerfenden Idee, direkt hinter den Kühlregalen die Mehrweg-Bierkisten zu stapeln. Wenn ein Kaltgetränk, was beim Kauf ungelogen mehr als 37 Grad aufweist, kann das nicht verkaufsfördernd sein.

Mein Fazit: Verzichtet auf dieses Deko-Getue und nutzt einfach den 450 Euro-Jobber dazu, der Omi die Kiste Wasser in den Kofferraum vom Auto zu heben. Kein Mensch braucht zig verschiedenen Sorten Jack Daniels (Apple, Honey, Fire und was es da noch so für Gepannsche gibt) im Eingangsbereich und muss für eine Wasserkiste eine Trainingseineinheit für einen Halbmarathon absolvieren. Lebensmittel zu lieben ist ja eine schöne Sache, aber denkt doch vielleicht einfach mal an die Kunden. 

Ab ins neue Jahr mit guten Vorsätzen!

Mon Chéri in der Mehrwegkiste. Vielleicht eine neue Geschäftsidee für die gelangweilte Marketingabteilung?

Ein Gedanke zu „09.01.22 Prost Neujahr“

  1. Eine Erfahrung, die sich bei genauem Hinschauen in fast jeder Branche wiederholt. Besondern fällt dies bei den Werbeanzeigen auf Facebook auf: voolo, kuniuu, fyella – die Namen der dort werbetreibenden Firmen sind an unverbindlichkeit und Vergänglichkeit kaum zu überbieten. Man könnte meinen, es dürften doch inzwischen eigentlich keine Worte mit 5 Buchstaben und doppelten Vokal mehr frei sein – und dann findet irgendein Algorithmus doch noch eins und schwupps ist die nächste „Startup“-Firma erschaffen. Einen echten Namen wie „Fliesen-Müller“ findet sich dort nicht und das aus gutem Grund: Das Geschäftsmodell dieser Firmen ist irgendwie immer gleich: hübsche ein im Prinzip überflüssiges Produkt durch einen exorbitanten Marketingauftritt zu einem „musthave“ auf, verkaufe soviel es geht, und mach den Laden wieder zu bevor es sich herumspricht. Mach sich schlecht, wenn der eigene Name damit in Verbindung gebracht wird. Das Geschäftsmodell treibt aberwitzige Blüten: Da werden Pyjamas, die es an jeder Ecke für 10€ gibt in einen noblen Leinenkarton mit Relieflack-Logot gepackt, ein Hollywoodreifes Video dazu und schwupps kostet der Pyjama 65€. Der nächste Shop bietet eine Lampe die tageszeitabhängig die Farbtemperatur ändert – mit Zubehör für 30€ (ein RGB-LED Streifen und ein Arduino zur Ansteuerung) liesse sich das selbst basteln – der Shop verkauft die Lampe für 1050,-€ als sensationelle Neuheit, die 30% schnelleres Lesen ermöglichen soll. Sorry, aber wie blöd muss man denn sein um das zu glauben? Und dann stehen lustige Kommentare darunter „Tolle, Lampe, ich hab schon zwei…“ … HÄÄ? Das Motto scheint zu lauten: jeden Tag steht ein Dummer auf – Du musst ihn nur finden und ihm das Zeug verkaufen. Mich nervt dieser Trend. Er wertet echte Arbeit ab, in dem es Schrott mit Hilfe von BlingBling-Werbung an den Mann bringt. Ein prominentes Beispiel ist auch das Apple XDR-Display. Es sieht geil aus, kann aber einem EIZO niemals das Wasser reichen, der vielleicht halb so teuer ist. Der EIZO ist der Könner, das XDR der Blender. Das schlimmste daran ist aber: mangels Hintergrundwissen der Konsumenten funktioniert es auch noch. Schöne neue Marketing-Welt.

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