21.10.21 Jetzt aber

Was ich eigentlich schreiben wollte: Aufgrund unseres Rentenbescheids, siehe Eintrag vom 21.09.21 bleibt uns ja keine andere Wahl, als noch einige Jahre zu arbeiten. Das ist wahrlich auch kein Problem, denn wir arbeiten gerne. Meistens zu mindest. Wäre es nicht der Fall, dass man sich nach Freizeit sehnt, dürfte man uns gerne als Krankhaft einstufen – zumindest ist das meine Auffassung. Neben der Arbeit gibt es einfach sehr viele Dinge, die in meinem Hirn herum wabern, welche ich bestreiten würde, wenn ich unendlich Zeit, körperlich fit und finanziell ausgesorgt hätte. Da könnte ich anfangen bei der Auslastung meiner Motorsense bis hin zum 2000 Kilometer langen Wanderweg an der Bretonischen Küste, von der elektrischen Eisenbahn mal ganz zu schweigen.

Wir sind dankbar, dass wir die letzte Zeit im Zeichen von Corona gut überstanden haben. Einige Kollegen oder auch Firmen anderer Branchen hatten da weniger Glück und man sollte ein gewisses Maß an Demut mit sich bringen, daran zu denken, dass es nicht selbstverständlich ist, einen zuverlässigen Kundenstamm betreuen zu dürfen. In diesem Sinne Danke dafür. 

Die letzten Monate haben uns gezeigt, dass neben dem üblichen Arbeitsaufkommen durchaus Luft nach oben ist. Soll heißen, dass wir mehr Aufträge bearbeiten könnten, als uns das derzeit möglich ist. Der Bedarf ist steigend und unsere Kapazitätsgrenze leider erreicht, was bedeutet, dass wir viele Kunden mit längeren Wartezeiten vertrösten. Da ich das werbende Volk aber nun schon seit über 25 Jahren betreue und somit kenne, weiss ich dass warten in unserer Branche nicht so angesagt ist. 

Somit bleibt nur eines: Wir möchten personell aufstocken. 

Leichter gesagt als getan, denn unsere Stellenausschreibung passt – genau wie wir – in keinen vorgegebenen Bereich. Wir sind keine Grafik-Designer. Schon gar nicht irgendwelche Web-Künstler oder reine Werbetechniker. Der Beruf Mediengestalter trifft auch nicht konkret die Stelle, die wir besetzten wollten. Wir arbeiten halt grafisch, aber nicht zwingend kreativ und schon gar nicht permanent Rechner basierend. Wir sind oft handwerklich unterwegs und erfüllen für unsere Kunden Arbeiten, die eine Besonderheit aufweisen, die nicht maschinell in Serie, sondern in Handarbeit gefertigt werden muss. Große Mengen spielen nicht unbedingt eine Rolle. Ein-Stück-Fertigungen sind dafür bei uns an der Tagesordnung. Wir rutschen auch auf den Knien rum, wenn wir Glasscheiben bekleben oder bekommen dreckige Hände, wenn wir Autos an den Stellen putzen, die niemand sieht, die aber für die Folierung elementar wichtig sind und permanent mit Dreck behaftet. Zu beklebende Spanplatten sind auch mal dreißig Kilo schwer und man fällt abends erschöpft ins Bett, nachdem man mit zwei Weizen die Schmerzen betäubt hat. Genau so, wie man eine schier unendliche Anzahl von verschiedenen Aufklebern geschnitten, sortiert und verpackt hat. 

Alles in Allem lässt sich die Arbeitsanforderung also nur schwerlich definieren. Am besten trifft vielleicht noch der Begriff Grafik-Arbeiter*innen zu. Aber kann man sich darunter etwas vorstellen, wenn man so etwas in einer Stellenanzeige in der Zeitung liest? Gerne würde ich die Stellenbeschreibung, welche ich gerade verfasst habe, in einer Annonce veröffentlichen, aber aufgrund der Textmenge und vielleicht noch einer etwas ansprechenden Gestaltung, überschreitet das unser finanzielles Budget. Eine einfach Stellenanzeige am Sonnabend in der Größe von nur 60 x 45 mm (das ist kleiner als eine Standardvisitenkarte) liegt schon im vierstelligen Bereich. Das ist also schon krass, wenn man für einen neu zu besetzenden Arbeitsplatz schon mal eben fast einen halben Monatslohn einwerfen muss, ohne auch überhaupt eine Garantie zu haben, dass sich auch jemand passendes bewirbt. Für so eine kleine Firma wie uns, ist das schon eine Hausnummer. Und bitte jetzt keine klugen Tipps in Form von Monster, Xing und Co. Preislich läuft es da nicht anders. 

Es geht uns eben ähnlich wie vielen Handwerksbetrieben, die verzweifelt nach Angestellten suchen. Ich habe den Eindruck, kaum einer mag mehr schwitzen bei der Arbeit oder sich bücken. Alle wollen nur am Rechner sitzen und sich dort mit Haltungsschäden das Leben schwer machen. Besonders der Bereich Medien ist ja bei vielen jungen Leute immer noch der absolute Renner, weil vielen von dem Job einfach ein falsches Bild haben. Das merke ich immer, wenn wir Praktikanten haben, die voller Elan der Meinung sind, dass man als Graphik-Designer nur voll kreative Dinge entwirft. Vorzugsweise irgendwelche Games programmiert oder Musikvideos dreht. Wenn sie merken, dass es daran geht für Schiesser die neue Unterhosenkollektion zu promoten oder die Vorzüge von Fußpilzsalbe auf Papier (besser gesagt auf den Bildschirm) zu bringen, sind sie schnell enttäuscht. 

Spätestens wer mal im Akkord und gegen den Uhrzeiger eines Redaktionsschlusses Werbeanzeigen für Tageszeitungen erstellt hat, weiß wo der Hammer hängt und dass der tolle Medienjob auch durchaus seine Schattenseiten hat. Des weiteren wird man nicht umhinkommen sich daran gewöhnen zu müssen, dass sich der Job zirka alle fünf Jahre vollkommen verändert. Technologischer Fortschritt nennt man so was. Was ich in meinen über dreißig Berufsjahren schon an Veränderungen mitmachen musste, ist echt krass. Klar, Veränderungen machen den Job nie uninteressant, aber Schade ist nur, dass Dinge, die man gerne gemacht hat, nun einfach nicht mehr gefragt sind oder technologisch überholt. 

Man könnte jetzt hinterfragen, warum ich hier auf Mitarbeitersuche gehe und gleichzeitig den Job so mies mache. Das ist ja irgendwie kontraproduktiv. So gesehen stimmt das vielleicht, aber ich mache das so, weil ich keinen Mediengestallter*in oder Grafik-Designer*in suche. Ich suche eine/n Grafik-Arbeiter*in. 

Jemanden, der versteht, dass ich zwar mit den neuesten technologischen Errungenschaften arbeite, aber trotzdem überblickt, dass die teure geile Effekt-Folie auf dem Auto nur wirklich stark aussieht, wenn man vorher den Dreck auf der Karosse beseitigt hat. Und jemand der begreift, dass ich noch so ein klasse Entwurf eines Aufklebers erstellen kann, wenn er schief geklebt oder geschnitten ist, sieht er einfach kacke aus. Und jemanden, der Ausdauer hat, auch mal Dinge zu bearbeiten, die nicht der kreativen Selbstverwirklichung dienen, sondern dafür gut sind, ein anständige Gehalt am Ende des Monats auf dem Konto zu haben.

Also, wenn DU jetzt in gewisser Weise fühlst, was hier steht, dann bist DU der/die Richtige. Wir sehen uns hoffentlich.

Stellenanzeige 10/2021

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